Sie
Die Priesterin stand auf der Lichtung, nackt, die Hände gen Himmel gestreckt, ihre Haare, die ihr bis zu den Hüften reichten, wehten sachte im Abendwind. Rhythmisch wiegte sie ihren Körper, summte leise vor sich hin moooooooom moooooooom. Sie fühlte wie die Ekstase kam, und wurde eins mit allem .Sie war wie immer alleine, nur die dunklen Wälder rings umher waren Zeuge des Unfassbaren was dann geschah. Aus dem nichts traf ein greller, roter Blitz die Priesterin, wirbelte sie in einen Strudel aus Farben und Tönen, ins Chaos. Und alles Bekannte, Vertraute verschwand in nur einer Sekunde ihres Lebens.Marc ging durch die nächtlichen Gassen. Spät war es wieder geworden. Seit der Trennung von Alma blieb er all abends viel zu lange im Büro. Arbeit war ein gutes Mittel um sich abzulenken, um nicht nachdenken zu müssen. Nein, er wollte nicht nachdenken, er wollte vergessen. Es war schon weit nach Mitternacht und trotzdem hatte er beschlossen den Weg nach Hause zu Fuß zurückzulegen. Er genoss die Abendluft, sog seine Lungen voll und atmete tief ein und aus. Drei Häuserblocks hatte er noch vor sich als etwas seine Aufmerksamkeit erregte. Dort beim alten Hinzerhaus, einer alten Villa, nicht mehr bewohnt, die Mauern bewachsen mit wildem Wein, da saß jemand in einer Mauernische. Beim Näher kommen stellte er fest, dass es eine junge
Frau war. Zitternd, bebend, verstört und - nackt ! Verdammt, dachte er, auf welchem Trip ist die denn? Langsam näherte er sich ihr. Als er fast bei ihr war, sah er, wie sie zusammenschreckte. Er kniete sich zu ihr auf den Boden und schaute ihr ins Gesicht." Keine Angst "sagte er und hoffte, dass es überzeugend und beruhigend klang.
Verflucht, was tut man in so einer Situation? Wurde sie vergewaltigt? Ist sie vor etwas davongelaufen?Ich Blick war verängstigt, unstet und verwirrt. Er zog seine Jacke aus, ging langsam auf sie zu, berührte sie vorsichtig und legte ihr die Jacke um die Schultern.
Er wartete ab was geschehen würde, aber nichts tat sich. Immer noch ruhte der Blick der Frau unbewegt auf ihm." So geht das nicht", sagte er "hier kannst du nicht bleiben. Wie heißt du?" Nichts, keine Antwort.Nur wieder dieser verstörte Ausdruck in ihren Augen. Kurz entschlossen nahm er ihre Hand und zog sie auf. Sie wehrte sich nicht. Mit einer fast unheimlichen Gleichgültigkeit ließ sie es mit sich geschehen. Er beschloss sie erst mal mit zu sich nach Hause zu nehmen. Verdammt, vielleicht vermisste sie schon jemand. Aber darum würde er sich morgen kümmern. Jetzt war es wichtiger sie von hier wegzubringen, alles andere hatte Zeit.
Während er in seinem Kleiderschrank nach etwas Brauchbarem zum Anziehen für sie suchte, saß die junge Frau auf der Couch. Sie trug immer noch seine Jacke, hatte die Beine angezogen und die Arme darum geschlungen.
Wo war sie? Alles war fremd. Fremde Gerüche, fremde Dinge, nichts Vertrautes. Hatten die Götter sie in diese fremde Welt geworfen? Es musste wohl so sein. Aber warum? War sie nicht immer eine gute Priesterin gewesen? Hatte sie ihrem Stamm nicht immer geholfen? Sie mochte diese Welt nicht, sie war kalt, laut und stank. Diese Welt war angefüllt mit Dingen, die sie nicht kannte. Als sie dort in der Mauernische gesessen hatte, hatte sie Dämonen vorbeirasen gesehen. Dämonen mit glühenden Augen, die schreckliche Geräusche von sich gaben. Sie brummten und tönten und es tat ihr in den Ohren weh. Blitze waren an den riesigen Klötzen angebracht, die überall herumstanden - dicht an dicht. Grelle bunte Blitze überall und viele Monde (Waren es Monde?) erhellten die Nacht.
Dieser Fremde hatte sie zu sich mitgenommen in einen großen Steinbau mit vielen Räumen.Er sprach eine Sprache, die der ihren zwar ähnlich war, die sie aber nicht verstand. Deshalb las sie mehr in seinen Gedanken als dass sie seinen Worten lauschte.
Marc kam ins Zimmer .er hatte eine Hose und ein Hemd gefunden, das ihm nicht mehr so richtig passte.Das würde ihr mit ein bisschen Glück passen und zum Teufel damit wie es aussah. “Hier"; Er reichte ihr die Sachen. "Etwas Besseres habe ich leider nicht gefunden". Zaghaft griff sie nach den Kleidungsstücken, nahm sie an sich. Er sah wie sie den Stoff befühlte, alles interessiert betrachtete, aber er sah auch, dass sie keinerlei Anstalten machte sich anzuziehen.
Heimlich befühlte sie immer wieder den Stoff der Sachen, die er ihr in die Hand gedrückt hatte. Es fühlte sich gut an und dennoch wofür sollte sie das tragen? In ihrer Welt ging man wie man war- nackt. Wortlos nahm sie das Kleiderbündel und legte es zur Seite. Gut, dachte er, soll sie machen was sie will, und ging Richtung Küche.
"Magst du Tee?" rief er ihr von der Türe aus zu. Sie sah ihn an und schlich sich sachte in seine Gedanken. Etwas Warmes bot er ihr an, etwas Trinkbares nahm Gestalt vor ihrem inneren Auge an. Sie nickte ihm zu. "Gut", er lächelte sie an. "Du scheinst mich ja doch zu verstehen.“ Leise vor sich hin pfeifend setzte er den Kessel auf. Seltsames Mädchen, dachte er bei sich, sehr seltsam. Bald kehrte er aus der Küche zurück. In seinen Händen hielt er zwei Gefäße mit einem stark aromatisch duftenden Getränk.
Er reichte ihr eines davon. Zögernd griff sie danach und lächelte schief. Nippend kostete das Mädchen die dampfende Flüssigkeit. Es schmeckte unerhofft gut- leicht rauchig und süß. Sie stellte fest, dass sie es mochte und trank es in kleinen Schlucken. Zu Hause hatte sie etwas ähnliches, das man mit einem heißen Stein, den man in den Kessel gab, erwärmte. Aber so gut wie das hier schmeckte es nicht. Es hatte nicht diese Süße und dieses Aroma. Wenigstens etwas Gutes schien diese Welt hier hervorgebracht zu haben, dachte sie und leerte die Tasse.
Verstohlen guckte er auf die Uhr, es war beinahe Morgen und nur gut, dass Wochenende war. Aus der Unbekannten bekam er kein Wort heraus und es schien ihm ratsam sich hinzulegen, um zu schlafen. Auch für sie wäre es besser und so begann er sich ein Bett auf dem Sofa zurechtzumachen. Sie konnte in seinem Bett schlafen. Klar, er war ja Gentleman. Während er Decken und Kissen herantrug beobachte sie ihn fortwährend. Er wünschte sich sie würde mit ihm reden. Nur ein paar belanglose Worte vielleicht, aber dieses Schweigen machte ihn verrückt.
"Schlafenszeit." Er nahm sie bei der Hand was sie wieder fast willenlos zuließ und führte sie in seinSchlafzimmer. :Marc deutete auf das Bett und machte ihr so gut wie möglich begreiflich, dass sie hier schlafen sollte.
"Gute Nacht." sagte er im hinausgehen, „ich wünsche dir schöne Träume.“
Ja, sie war müde, sie war sehr müde. Und sie war verstört. Noch immer begriff sie nicht was hier vorging.Es war ihr unmöglich auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Vorsichtig legte sie sich auf das Bett, zog die Decke über sich, die sich sehr weich anfühlte. So ganz anders als das Stroh, auf das sie sich normalerweise bettete.
Es roch gut. Es roch nach Blumen. Vielleicht, so überlegte sie, macht man hier die Schlafstatt aus Blumen.Der Gedanke gefiel ihr. Ihr Blick wanderte aus dem Fenster. Sie bemerkte, dass es bereits dämmerte und weit hinten entdeckte sie etwas, das sie kannte. Wald! Sie sprang auf, lief zum Fenster und schaute hinüber zum Stadtrand. Sehnsuchtsvoll blickte sie zum Hain und jetzt endlich konnte sie weinen- weinen um ihre verlorene Welt.
Marc lag noch lange wach, die Geschehnisse des Abends liefen noch einmal vor seinem inneren Auge ab.Er dachte über die eigenartige Frau nach. Tausend Gedanken kamen und gingen. So sehr er sich auch bemühte, er wurde aus der ganzen Sache einfach nicht schlau. Wer war sie? Woher kam sie? Und was war mit ihr geschehen?
Fragen über Fragen.Das Mädchen faszinierte ihn, und doch- er konnte nicht wirklich sagen warum. Sie erschien ihm seltsam fremd. Etwas betörend Magisches umgab ihre Gestalt. Er begann sie ein wenig mit Alma, seiner Verflossenen, zu vergleichen. Aber Himmel noch mal, diese beiden konnte man einfach nicht miteinander vergleichen. Nein, die beiden unterschieden sich wie Tag und Nacht. Er kam zu dem Schluss, dass es jetzt nicht mehr viel Sinn machte über all das nachzudenken. Seine Gedanken drehten sich im Kreis wie ein Hamster im Laufrad. Nein, es wäre besser jetzt zu schlafen.
Sie war nun schon fast eine Woche bei ihm. Noch immer hatte sie kein Wort mit Marc gesprochen. Er hatte die Polizei angerufen, nachgefragt, ob jemand vermisst würde. Ohne Erfolg. Nichts, er wusste nicht einmal ihren Namen. Aber die Anziehungskraft, die das Mädchen auf ihn ausübte, war beachtlich. Eine große Anmut lag in ihren Bewegungen. Ihre Augen strahlten fast violett und wirkten unergründlich. Ihr leises Lächeln und die Art wie ihr die langen Haare um die Hüften schmeichelten bannten seine Blicke. Ihre Präsenz war so spürbar, dass er sich kaum erinnern konnte wie es ohne sie gewesen war. Eines Nachts war sie zu ihm gekommen, hatte sich neben ihn gelegt und an ihn gedrückt. In dieser Nacht hatten sie sich geliebt. Noch nie hatte er ähnliches erlebt. Es war eine Art Verschmelzung. Es war mit nichts zu vergleichen was er bis jetzt erlebte hatte. Es war unbeschreiblich. Sie machte auch keinerlei Anstalten weg zu gehen. Wenn er im Büro war, saß sie bei ihm zu Hause .Wenn er von der Arbeit heim kam, kam sie ihm meistens mit diesem kleinen wissenden Lächeln auf den Lippen entgegen. Überschwängliche Gefühle bemerkte er nicht an ihr. Sie war stets gleich bleibend ruhig. Ab und an lächelte sie, wenn er sie ansah und mehr als einmal folgte er ihrem Blick wie er versonnen in Richtung Fenster wanderte.
Der Mann, bei dem sie wohnte, verbrachte unter Tags viele Stunden außer Haus. Was er tat wusste sie nicht und es war ihr auch völlig gleichgültig. Nicht dass sie keine Gefühle für ihn gehabt hätte, sie mochte ihn irgendwie. Seine freundliche Art gefiel ihr sogar sehr und dennoch, er hatte nicht das Wesen eines Menschen, das sie gewohnt war. Die Leute ihrer Welt waren eben anders. Auch verstand sie nicht warum er sich nicht auf telepathischem Wege mit ihr unterhielt so wie sie es kannte. Es war ihr unangenehm, wenn er sie ansprach. Sprache diente in ihrer Welt lediglich zum Ausführen der Rituale. Man sprach die heiligen Worte, die gesprochen werden mussten, um mit den Göttern zu kommunizieren.
Immer wieder ging sie zum Fenster. Immer wieder sah sie hinüber zu den Wäldern. Als man sie aus ihrer Welt riss, war die Mondin voll gewesen, und auch jetzt beobachtete sie wie sich der Leib der Mondin wölbte als ginge sie schwanger. Ja, die Mondin würde bald erneut voll sein. Diese Welt hatte dieselben Gestirne wie die ihre.Was war das nur für eine Welt?
Wäre ihre Angst vor dieser Fremdartigkeit da draußen nicht so groß gewesen, sie wäre geradewegs hinüber gelaufen zum Wald.
Heimweh - von Tag zu Tag hatte sie mehr Heimweh. Es riss und zerrte an ihr. Es tat körperlich weh. Sie kroch nachts unter die Decke des Mannes und gab sich ihm hin. Er war das einzige in dieser Welt, das ihr ein wenig vertraut vorkam. Sie mochte diese Welt nicht. Nachts träumte sie von dichten Wäldern, von klaren Seen und plappernden Bächen. Von Menschen, die ums Feuer saßen und lachenden Kindern. Und wenn sie erwachte weinte sie- still und lange.
Mit der Wölbung der Mondin kam die Sehnsucht und als die Mondin rund war hielt sie es nicht mehr aus.In dieser Nacht weckte sie ihn, zog ihn ans Fenster und deutete auf den Wald. Und er sah die Sehnsucht in ihren Augen und die Tränen, die ihr die Wangen hinunterliefen
"Gut" sagte er, „ich werde dich in den Wald bringen.“ Insgeheim dachte er, vielleicht hat sie die Erinnerung verloren und nun beginnt sie sich zu erinnern? Wer weiß; was für einen Schock sie erlitten hat. Sagte man nicht, dass Menschen unter Schock die Sprache und das Erinnerungsvermögen verlieren können.
Wer weiß, vielleicht kommt dort die Erinnerung Warum sonst bestand sie so beharrlich darauf, dass er sie in den Wald brachte.
Marc begleitete sie in den Wald. Hand in Hand liefen sie den Weg entlang. Sie zog ihn weiter, als suchte sie nach etwas, und er ließ sich von ihr ziehen. So liefen sie bis sie einen kleinen Schrei der Entzückung ausstieß. Er sah, dass sie auf eine kleine Lichtung zusteuerte. Dort angekommen riss sie sich die Kleider vom Leib und bedeutete ihm am Rande der Lichtung stehen zu bleiben. Ratlos stand er da und beobachtete sie.
Er sah sie würdevoll im Kreis schreiten und zum ersten Mal hörte er ihre Stimme. Vor sich hin murmelnd malte sie Zeichen in die Luft, streckte sich, bückte sich, küsste die Erde. Das Mondlicht fiel silbern auf sie und ließ sie zerbrechlich und überirdisch schön erscheinen. Sie hatte jetzt etwas Lichtes an sich, fast so als leuchte sie aus sich selbst heraus. Ein kleiner Wind kam auf und ihr seidiges Haar bewegte sich im Lufthauch.
Moooooom moooooooom, sie hob ihre Arme gen Himmel mooom mooom die Vibration ihrer Stimme ließ die Luft erbeben mooom mooom. Und die Götter erhörten sie und schleuderten die Priesterin zurück in ihre Welt.
Manchmal wenn es Vollmond ist, kann man ihn sehn, den einsamen Wanderer, der auf die Lichtung blickt -sehnsuchtsvoll und wehmütig. Ganz so, als würde er auf etwas warten. Auf etwas das er nicht benennen kann, weil es nie einen Namen hatte.
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