Frankensteins Mäuse
Andreas von Rétyi Mary Shelley war keineswegs so weit entfernt von der Wirklichkeit, wie manche vielleicht glauben mögen. Oder umgekehrt ausgedrückt:
Die Wirklichkeit war Mary Shelleys Vision vom wieder auferstandenen Toten nie näher als heute! Denn jetzt gelang japanischen Wissenschaftlern ein weiterer wesentlicher Schritt.
Die Frankensteins des 21. Jahrhunderts schufen gesunde Klone – aus einer bereits 16 Jahre toten Maus! Es war in einer stürmischen Nacht, als die noch blutjunge englische Autorin Mary Shelley die ersten Gedanken für ihren Welterfolg Frankenstein – Der moderne Prometheus festhielt.
Und in einer stürmischen Nacht, bei Blitz und Donner, schuf der besessene Wissenschaftler Dr. Frankenstein sein unheimliches Monster.
Der fesselnde Roman gründet auf wahren Ereignissen und orientiert sich an der gespenstischen Arbeit mehrerer Wissenschaftler, darunter auch des Theologen und Mediziners Johann Konrad Dippel, der einst auf der Burg Frankenstein versuchte, Gold herzustellen und Tote wieder zum Leben zu erwecken.
Später folgten andere Forscher, die teils überaus bizarre und abstoßende Experimente mit Leichen durchführten. Sie jagten elektrische Ströme durch tote menschliche Körper und flößten deren Gliedmaßen und Gesichtsmuskeln vermeintlich neues Leben ein – den gebannten Zuschauern solcher Experimente hingegen fuhr in diesen Momenten ein kalter Schauder bis tief in die Knochen hinein.
Manche der Anwesenden wurden angesichts der zuckenden Leichen ohnmächtig. Efeubewachsene Schlosstürme und aufgewühlte Gewitternächte liefern heute kaum mehr eine geeignete Kulisse für solche Experimente, dennoch scheint sich manches nicht verändert zu haben. Noch immer bemühen sich Wissenschaftler darum, das Leben zu verlängern, totes Gewebe wieder zum Leben zu erwecken und scheinbar von der Natur gesetzte Barrieren zu überwinden.
Und auch das altbewährte Hilfsmittel Elektrizität spielt weiterhin eine wichtige Rolle.
So auch im aktuellen Fall geklonter Mäuse. Japanische Forscher um Dr. Teruhiko Wakayma von Centre for Develepmental Biology in Kobe entnahmen einer seit bereits 16 Jahre toten Maus Hirnzellen und injizierten sie in die ausgehöhlte Eizelle einer weiblichen Maus. Angeregt durch elektrische Impulse begann die Eizelle, sich zu teilen und wie ein gewöhnlicher Embryo zu wachsen.
Nach nur wenigen Tagen implantierten die Wissenschaftler diesen geklonten Embryo in eine Ersatzmutter – natürlich wieder Marke Maus – und nach drei Wochen Tragzeit wurde der Klon geboren.
Er entwickelte sich völlig normal zum erwachsenen Tier. Die japanischen Forscher hatten eine echte Vorführ-Maus ins Leben gerufen! Das angewandte Verfahren glich dem, wie es vor elf Jahren auch bei der »Schaffung« von Dolly, dem ersten Klon-Schaf, zum Einsatz kam. Zahlreiche weitere Experimente dieser Art folgten seitdem, allerdings immer mittels lebender Zellen.
Denn allgemein gingen die Klon-Krieger davon aus, dass Eiskristalle das Erbgut irreparabel beschädigen. Daher verwendete Dr. Wakayama auch Gehirnzellen – wohlgemerkt, diejenigen der Maus. Der hohe Fettgehalt des Hirngewebes sowie der Schutz durch die Schädelknochen würden die Chancen deutlich erhöhen, unversehrte DNA zu erhalten. Und das Experiment gelang! Über die ethischen Fragen streiten sich freilich nicht nur die Gelehrten. Fakt ist, dass die Wissenschaft mit diesem Durchbruch neue Horizonte abgesteckt hat – nur eben um welchen Preis! Vor allem viele britische Wissenschaftler zeigen sich von der Arbeit Wakayamas begeistert. Andere Beobachter des Geschehens sind da weniger euphorisch. Sie sehen einige fragwürdige Entwicklungen auf uns zukommen.
Manche Menschen könnten versuchen, ihre schon länger in Kältelabors eingefrorenen Angehörigen klonen zu lassen. Aus alledem könnte gar ein makabrer neuer Geschäftszweig erwachsen. Kommerzielle Unternehmen würden dann vielleicht riesige »Archive« mit Körperteilen Verstorbener anlegen, auf die man bei Bedarf zurückgreifen könnte. Leichtgläubigere Zeitgenossen würden auf dubiose Angebote hereinfallen und im Glauben leben, ihre Verwandten oder auch sie selbst könnten wieder zum Leben erweckt werden, mit all ihren Eigenschaften und Gedächtnisinhalten. Viele würden nicht realisieren, dass ein Klon zwar äußerlich mit dem Verstorbenen identisch, aber dennoch ein komplett anderer Mensch wäre, der geboren würde, heranwüchse und ein komplett neues Dasein führen würde.
Doch die bedeutsamere Frage beträfe eher die Risiken des Klonens, die Gefahr von Defekten, vielleicht relativ spät auftretenden gesundheitlichen Problemen. Sie beträfe letztlich natürlich auch verbrecherische Geschäfte mit geklonten »Ersatzteilen«. Die japanischen Wissenschaftler sehen vielmehr etliche Chancen und deutlich harmlosere Einsatzbereiche für ihre neue Gen-Technologie. Nicht zuletzt könnten sie sich vorstellen, damit auch bereits ausgestorbene Tierarten zu klonen und zum Leben zu erwecken.
Dabei ließe sich sogar noch erhaltenes Gen-Material nutzen, um den Säbelzahntiger oder das Mammut zu »reanimieren«. Extremere Gedanken lassen sogar einen Ötzi-Klon wiedererstehen. Prinzipiell machbar, so glaubt auch die japanische Forschergruppe. Denn größere Lebewesen frieren langsamer und damit schonender ein. Die Gensubstanz bleibt also zu einem größeren Prozentsatz unversehrt. Und die Dinos? Vielleicht wird eines Tages ja tatsächlich auch der »Jurassic Park« zur Wirklichkeit, auf einer einsamen, schönen Insel. …
Das Copyright Kopp Verlag, Rottenburg
Die Wirklichkeit war Mary Shelleys Vision vom wieder auferstandenen Toten nie näher als heute! Denn jetzt gelang japanischen Wissenschaftlern ein weiterer wesentlicher Schritt.
Die Frankensteins des 21. Jahrhunderts schufen gesunde Klone – aus einer bereits 16 Jahre toten Maus! Es war in einer stürmischen Nacht, als die noch blutjunge englische Autorin Mary Shelley die ersten Gedanken für ihren Welterfolg Frankenstein – Der moderne Prometheus festhielt.
Und in einer stürmischen Nacht, bei Blitz und Donner, schuf der besessene Wissenschaftler Dr. Frankenstein sein unheimliches Monster.
Der fesselnde Roman gründet auf wahren Ereignissen und orientiert sich an der gespenstischen Arbeit mehrerer Wissenschaftler, darunter auch des Theologen und Mediziners Johann Konrad Dippel, der einst auf der Burg Frankenstein versuchte, Gold herzustellen und Tote wieder zum Leben zu erwecken.
Später folgten andere Forscher, die teils überaus bizarre und abstoßende Experimente mit Leichen durchführten. Sie jagten elektrische Ströme durch tote menschliche Körper und flößten deren Gliedmaßen und Gesichtsmuskeln vermeintlich neues Leben ein – den gebannten Zuschauern solcher Experimente hingegen fuhr in diesen Momenten ein kalter Schauder bis tief in die Knochen hinein.
Manche der Anwesenden wurden angesichts der zuckenden Leichen ohnmächtig. Efeubewachsene Schlosstürme und aufgewühlte Gewitternächte liefern heute kaum mehr eine geeignete Kulisse für solche Experimente, dennoch scheint sich manches nicht verändert zu haben. Noch immer bemühen sich Wissenschaftler darum, das Leben zu verlängern, totes Gewebe wieder zum Leben zu erwecken und scheinbar von der Natur gesetzte Barrieren zu überwinden.
Und auch das altbewährte Hilfsmittel Elektrizität spielt weiterhin eine wichtige Rolle.
So auch im aktuellen Fall geklonter Mäuse. Japanische Forscher um Dr. Teruhiko Wakayma von Centre for Develepmental Biology in Kobe entnahmen einer seit bereits 16 Jahre toten Maus Hirnzellen und injizierten sie in die ausgehöhlte Eizelle einer weiblichen Maus. Angeregt durch elektrische Impulse begann die Eizelle, sich zu teilen und wie ein gewöhnlicher Embryo zu wachsen.
Nach nur wenigen Tagen implantierten die Wissenschaftler diesen geklonten Embryo in eine Ersatzmutter – natürlich wieder Marke Maus – und nach drei Wochen Tragzeit wurde der Klon geboren.
Er entwickelte sich völlig normal zum erwachsenen Tier. Die japanischen Forscher hatten eine echte Vorführ-Maus ins Leben gerufen! Das angewandte Verfahren glich dem, wie es vor elf Jahren auch bei der »Schaffung« von Dolly, dem ersten Klon-Schaf, zum Einsatz kam. Zahlreiche weitere Experimente dieser Art folgten seitdem, allerdings immer mittels lebender Zellen.
Denn allgemein gingen die Klon-Krieger davon aus, dass Eiskristalle das Erbgut irreparabel beschädigen. Daher verwendete Dr. Wakayama auch Gehirnzellen – wohlgemerkt, diejenigen der Maus. Der hohe Fettgehalt des Hirngewebes sowie der Schutz durch die Schädelknochen würden die Chancen deutlich erhöhen, unversehrte DNA zu erhalten. Und das Experiment gelang! Über die ethischen Fragen streiten sich freilich nicht nur die Gelehrten. Fakt ist, dass die Wissenschaft mit diesem Durchbruch neue Horizonte abgesteckt hat – nur eben um welchen Preis! Vor allem viele britische Wissenschaftler zeigen sich von der Arbeit Wakayamas begeistert. Andere Beobachter des Geschehens sind da weniger euphorisch. Sie sehen einige fragwürdige Entwicklungen auf uns zukommen.
Manche Menschen könnten versuchen, ihre schon länger in Kältelabors eingefrorenen Angehörigen klonen zu lassen. Aus alledem könnte gar ein makabrer neuer Geschäftszweig erwachsen. Kommerzielle Unternehmen würden dann vielleicht riesige »Archive« mit Körperteilen Verstorbener anlegen, auf die man bei Bedarf zurückgreifen könnte. Leichtgläubigere Zeitgenossen würden auf dubiose Angebote hereinfallen und im Glauben leben, ihre Verwandten oder auch sie selbst könnten wieder zum Leben erweckt werden, mit all ihren Eigenschaften und Gedächtnisinhalten. Viele würden nicht realisieren, dass ein Klon zwar äußerlich mit dem Verstorbenen identisch, aber dennoch ein komplett anderer Mensch wäre, der geboren würde, heranwüchse und ein komplett neues Dasein führen würde.
Doch die bedeutsamere Frage beträfe eher die Risiken des Klonens, die Gefahr von Defekten, vielleicht relativ spät auftretenden gesundheitlichen Problemen. Sie beträfe letztlich natürlich auch verbrecherische Geschäfte mit geklonten »Ersatzteilen«. Die japanischen Wissenschaftler sehen vielmehr etliche Chancen und deutlich harmlosere Einsatzbereiche für ihre neue Gen-Technologie. Nicht zuletzt könnten sie sich vorstellen, damit auch bereits ausgestorbene Tierarten zu klonen und zum Leben zu erwecken.
Dabei ließe sich sogar noch erhaltenes Gen-Material nutzen, um den Säbelzahntiger oder das Mammut zu »reanimieren«. Extremere Gedanken lassen sogar einen Ötzi-Klon wiedererstehen. Prinzipiell machbar, so glaubt auch die japanische Forschergruppe. Denn größere Lebewesen frieren langsamer und damit schonender ein. Die Gensubstanz bleibt also zu einem größeren Prozentsatz unversehrt. Und die Dinos? Vielleicht wird eines Tages ja tatsächlich auch der »Jurassic Park« zur Wirklichkeit, auf einer einsamen, schönen Insel. …
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