Das fremde Selbst............ Schon Goethe sah sich einst selbst entgegenreiten
In Münster gibt es ein Haus am Prinzipalmarkt , da verdoppeln sich Leute .....leider gehn die damit nicht an die Öffentlichkeit ich weiss aber ganz sicher das es mehrere betrifft .
Mitunter wird es einer Frau zu viel und sie sucht das Weite- alle andern betroffenen haben sich anscheinend schon an diese Sache gewöhnt.
Schon Goethe sah sich einst selbst entgegenreiten – was steckt hinter diesen erstaunlich verbreiteten Doppelgänger-Begegungen? Die Art, wie sich die Psychologie bisher in verschiedenen Ansätzen dieses Phänomens annahm, ist ein Stück moderner Bewusstseinsgeschichte.
Würde man den Versuch wagen, den einzelnen naturwissenschaftlichen Forschungsepochen der Geschichte Leitsätze und Motive überzuordnen so wäre für die letzten Dekaden des ablaufenden Jahrtausends ein Schlagwort mehr als jemals zuvor treffend: Die Erstürmung des Gehirns. Nicht nur versuchten Medizin und Biologie, immer feinere Details über dessen Aufbau und Funktion zu Tage zu fördern, nicht nur waren Technik und Informatik bemüht, sich dieselben stets von neuem in bizarrem Einfallsreichtum nutzbar zu machen (siehe Neurochips und Künstliche Intelligenz) - nein, es gab auch vor allem in der Kunst eine Verlagerung hin zu jenem Brennpunkt: Literatur und Musik, Malerei oder Bildhauerei sprechen ja neuerdings viel weniger Leib und Magen an, als dass sie durch ihre feingeistige Darstellungsart vor allem den Kopf zu immer höherer Abstraktionsfähigkeit, zu immer vollständigerer Ent-Sinnlichung rufen. Mithin ist diese Epoche bereits wieder im Vergehen begriffen, taucht in den Strom der Fortschrittlichkeit zurück, der stets nach Neuem drängt und kaum lange an einem Ort verweilt. Dennoch war dieser Ansturm auf das Hirn ein sonderbares Bestreben, es war der Versuch eines Wurfes - eines Wurfes hin zum Leben, der tief gedrungen ist, der sich weit in das pochende Fleisch des Menschseins hineingeschnitten hat und dennoch nicht befriedigt. Es geht weiter, und die Dimensionen werden immer dünnluftiger, geben kaum mehr Halt für das schwere Gefährt, das Experimentatoren und Naturforscher bislang auffuhren.
Es lohnt, an einem Beispiel zu verfolgen, wie die Psychologie, die seit Jahren um ihren Ruf als Naturwissenschaft kämpft, mit den eilig hastenden Revolutionen des Denkens Schritt zu halten versucht und gleichzeitig dabei ihre geisteswissenschaftliche Aristokratie nicht ganz zu verlieren hofft. Ich möchte dabei einen durchaus exotischen Bereich ansprechen - aber so muss es doch sein, denn gerade am Außergewöhnlichen lässt sich ja das Interessante verfolgen. Die Rede ist von dem umfangreich studierten und oftmals bestaunten Fall des Doppelgängerwahns, der so genannten Heautoskopie.
Folkloristische Beliebtheit
Das Phänomen erfreute sich lange Zeit nur folkloristischer Beliebtheit und wird seit Jahrhunderten in vielbeachteten Romanen und Erzählungen thematisiert. Dabei wird der Doppelgänger oft als Todesbote dargestellt, und der Betreffende rafft sich folgerichtig - im Verwirrungswahn der eigenen Gespaltenheit - zumeist durch Selbstmord hin. So ist es etwa dargestellt in Oscar Wildes Buch Das Bildnis des Dorian Gray oder Franz Werfels Spiegelmensch. Das wohl bekannteste Beispiel ist William Wilson in Edgar Allan Poes gleichnamigen Roman, der bei dem Versuch, seinen Peiniger zu erschießen, sich selbst die Kugel in die Brust jagt.
Mittlerweile sind der Forschung viele Unterformen der Heautoskopie bekannt - rein visuelle Halluzinationen, wie etwa der Spiegeleindruck, bei dem das Double als stummer Teilnehmer auftritt; ferner das Anwesenheitsgefühl, das keine sensorische Wahrnehmung darstellt und dem Betroffenen nur die Empfindung des »Daseins eines Anderen« vermittelt, der in Erfahrungsberichten Betroffener oft als »seitlich hintenstehend« beschrieben wird. Des Weiteren unterscheidet man die out-of-body Erlebnisse, bei denen sich der Entsprechende von seinem Körper wie »von einer leeren Eierschale gelöst« fühlt und denselben nur als fremde, sich selbst allerdings ähnliche Gestalt erkennt. 1
Ein Fallbeispiel
Ein berühmt gewordenes und besonders bizarres Beispiel ist der Fall des damals 21-jährigen A., dessen reichhaltige »Doppelgänger-Biographie« äußerst eindrucksvoll ist. Eine der zahlreichen Episoden ist wie folgt abgelaufen: An dem betreffenden Morgen wachte A. mit einem seltsamen Gefühl auf. Als er sich umdrehte, sah er sich selbst noch im Bett liegen. Er wurde ärgerlich über »diese Person, von der ich wusste, dass sie ich selbst war, und die durch ihr Verhalten riskierte, dass ich zu spät zur Arbeit kommen würde«. Er versuchte, den Körper im Bett aufzuwecken - zuerst, indem er ihn anrief; dann, indem er ihn schüttelte und schließlich, indem er wiederholt auf seinem anderen Ich im Bett umhersprang. Der liegende Körper zeigte keine Reaktion. Erst in diesem Moment wurde sich der Betroffene über seine eigene Doppel-Existenz bewusst und war zunehmend verwirrt über die seltsame Unsicherheit, wer von den beiden nun er selbst war. Mehrere Male sprang sein Bewusstsein zwischen jenem Körper, der aufrecht stand und jenem, der im Bett lag, hin und her und seine einzige Absicht war es, wieder eine Person zu werden; während er aus dem Fenster schaute (von wo aus er seinen Körper noch immer im Bett liegen sah), entschied er plötzlich, aufzuspringen, »um dieses unerträgliche Gefühl, in zwei gespalten zu sein, zu stoppen«. Zur gleichen Zeit hoffte er, »dass diese letzte verzweifelte Tat den Anderen im Bett aufschüttelt und so endlich dazu drängt, sich wieder mit mir zu vereinigen«. 2
Das oszillierende Bewusstsein des A. ist zweifellos das markanteste Charakteristikum an dieser Fallbeschreibung. Mit einem solchen Phänomenbereich konfrontiert galt es für Neurologen und Psychologen von Beginn an, seriöse Erklärungen zu bieten. Der erste vorgebrachte Ansatz freilich war unspektakulär. Man berief sich schlicht auf die Schizophrenie, urteilte also, dass dem Kuriosum der Doppelgängererscheinung eine Verzerrung der Wahrnehmung zu Grunde liege, denn bekanntlich sind die Mechanismen, die im Wachzustand ein vernünftiges Zusammenspiel der Sinneseindrücke ermöglichen, bei der genannten Krankheit außer Kraft gesetzt. Eiligst durchgeführte Experimente, bei denen Schizophrene gestellte Körperbewegungen an Bildschirmdarstellungen verfolgen mussten, brachten tatsächlich ans Licht, dass die Betroffenen - verwunderlich genug - diese Fremdbewegungen häufig als von sich selbst ausgeführt betrachteten. 3 Das legte nahe, dass Geisteskrankheiten mit einem verzerrten Körperschema einhergehen und Symptome wie die illusionäre Körperempfindung zur Folge haben können. Der Umkehrschluss vom Doppelgängerwahn als psychiatrisch bedingtem Phänomen war da nur folgerichtig.
Die Naturforschung war hier also ganz dem Bodenständigen verhaftet, ließ sich von den Daten streng neurologischer Befunde durch das vormals abstruse Gestrüpp des Paranatürlichen leiten und wähnte des Rätsels Lösung bereits als gesichert. Und doch war bald deutlich, dass damit noch nicht der letzte Schritt getan sei. Denn schnell stellte sich heraus, dass auch erwiesenermaßen neurologisch gesunde Personen von den erwähnten Erlebnissen berichteten, die »Krankentheorie« mithin nicht schlüssig war. So stand man wieder da, musste sich alsbald von der erhofften Sicherheit lösen, drang erneut in fremde Dimensionen vor und suchte außerhalb der psychiatrischen Pathologie nach weiteren Erklärungen.
Doppelgänger auf der Bergtour
Indem man auf die auch heute noch bekannten Fälle von Amputierten traf, welche angaben, an den entfernten Körperteilen noch so präzise Empfindungen zu haben wie etwa das Drücken eines Fingerringes oder die Unebenheit einer Bodenschwelle, auf die man vermeintlich mit dem Fuß tritt, zog man Querverbindungen zwischen illusionären Körperempfindungen und zu Grunde liegenden Nervenprozessen. Wenn also das Gehirn schon in der Lage ist, einzelne Körperteile in fassbarer Leibhaftigkeit zu re-fingieren, dann war es auch nur ein kleiner Schritt anzunehmen, dass den beschriebenen Ganzkörper-Wahnvorstellungen ein neuronales Aktivitätsmuster übergeordnet ist, das etwa durch ungewöhnlich starke Stimulation (unüblicher Rausch, Extase, extremer Flash etc.) außer Takt geraten ist. Neu an dieser Ansicht war, dass sie nicht mehr Gleiches mit Gleichem erklärte, dass also das psychisch manifestierte Phänomen Doppelgängerwahn nicht länger als ebenso psychisch begründete Aberration abgetan wurde, sondern dass man nun einen Annäherungsversuch aus der Perspektive der »gesunden« Sinnesphysiologie wagte: Der Wahn konnte keine reine Narrenkrankheit sein. Man hatte sich also schon fortbewegt, hatte sich gelöst von dem kindlich starrsinnigen Mythos, eine neurologische Verformung, die wirre Geister wie die Schizophrenen mit heißem Wahnsinn schwängert, für solche absonderlichen Erscheinungen verantwortlich zu machen und sah schon, dass sich zur medizinischen Psychiatrie auch noch anderes gesellen müsse, um die Phänomene zu erklären. Das psychologische Forschen war mit dieser Einsicht ein wenig erwachsener geworden.
Und doch, als jene Fälle von Körpergeschädigten bekannt wurden, welche von ihrer ersten Lebensstunde an keine oder nur verstümmelte Extremitäten hatten und dennoch über ganz ähnliche Empfindungen berichteten wie die Amputierten, wurde die Erklärung einer einfachen »Wiederbelebung«, welche das Gehirn während der Erlebnisse fingiert, brüchig; wie sollten sich denn diese Menschen auf Erfahrungen berufen, die einem solchen Wiederbelebungs-Versuch durch das Gehirn zu Grunde liegen könnten? »Wiederbelebung« bedeutet hier Rückgriff auf einst Vorhandenes, und ein solcher Rückgriff war den Betroffenen verwehrt.
Ein weiteres Mal war die erhoffte Sicherheit, derer man sich durch scharfe Argumente und logisch herbeigeführte Schlüsse habhaft glaubte, verflossen. In jüngster Zeit kommen andere Versuche auf den Plan, die sich weiter distanzieren von dem, was bislang betrieben wurde, die stets größeren Abstand nehmen von der einfachen Annahme einer geistigen Beschränkung oder dauerhaften Nervenschwäche und sich also vom Dogma der »Nur-und-All-Ursache« Körper lösen und entfremden.
So werden gegenwärtig etwa Untersuchungen durchgeführt, bei denen man Personen unter Hochleistungsbedingungen (z.B. Expeditionsteilnehmer), in Lebensgefahr oder lang anhaltender sozialer Isolation, wie auch nach Erlebnismangel oder Gemütsveränderung zu ihren berichteten Doppelgänger-Erlebnissen befragt.
Eine höchst interessante Studie zu dieser Thematik veröffentlichte ein Schweizer Forscherteam im vergangenen Jahr. Die Wissenschaftler hatten dabei die Gelegenheit, acht Bergsteiger der Welt-Spitzenklasse zu ihren Doppelgänger-Erlebnissen während der Gebirgstouren zu befragen. Es handelte sich bei der Erhebung um eine strukturierte Interview-Befragung, die jeweils in der Muttersprache durchgeführt wurde. 4 Die Ergebnisse waren vielfältig: Befragter 5 etwa, der sich zur fraglichen Zeit auf einem Marsch in 8300 Metern Höhe hinter zwei weiteren Kollegen befindet, erinnert sich: »Während der letzten Minuten [bevor der Aufstieg aufgegeben werden musste] hatte ich das Gefühl, dass eine weitere Person mit mir ging. Er [wenngleich ich wusste, dass es ein Mann war, hatte ich nicht die entfernteste Idee, um wen es sich handeln könnte] war stets in einer Entfernung von etwa fünf Metern hinter mir, und obwohl ich deutlich sah, dass niemand dort war, schaute ich im Weiteren ununterbrochen zurück über meine Schulter. Je intensiver ich seine Anwesenheit wahrnahm, umso stärker bemerkte ich in mir ein Gefühl der Leere, eine Hohlheit meines eigenen Körpers.«.*
Person 1 berichtet über eine Episode während eines Solo-Aufstiegs in 7500 Metern Höhe: »Für mehrere Minuten schien es, dass das Zelt mindestens fünfmal größer war als ich es kannte. Der eigentümlichste Umstand allerdings war, dass sich mein eigener Körper ebenfalls etwa fünffach vergrößert anfühlte, wenngleich ich - wie meine Augen mir bezeugten - keinerlei offensichtliche Veränderungen ausmachen konnte, weder im Hinblick auf meinen eigenen Körper, noch auf meine Umgebung«.*
Und schließlich führt Person 2 über ihre Erlebnisse in 5000 bis 6000 Metern Höhe (ebenfalls während einer Solo-Tour) folgendes aus: »Trotz des Nebels sah ich diese Menschen ganz deutlich [...] Ich konnte einzelne Gesichter erkennen und entschied, dass ich niemanden von ihnen jemals zuvor gesehen hatte!«*
Die Phänomene können - und das ist wichtig zu bedenken - nicht allein auf die veränderten physiologischen Bedingungen (geringer Luftdruck, Sauerstoffmangel etc.) zurückgeführt werden, da eine überproportional große Zahl der Doppelgänger-Erlebnisse von Einzel-Bergsteigern berichtet wurde. Eine solche Asymmetrie könnte durch die einfache Hypothese von Umweltbedingungen als Auslösegrund nicht schlüssig erklärt werden, denn die Letzteren (d.h. die Umweltbedingungen) sind ja in gleichem Maße auch auf Gemeinschaftstouren virulent. Man vermutet gerade im Gegenteil, dass die ausgeprägte soziale Isolation und der Mangel an Abwechslung für die Phänomene verantwortlich sind.
Insgesamt ist erkennbar, dass sich die Häufigkeit jener dargestellten heautoskopischen Phänomene mit derselben Verhältnismäßigkeit steigert, mit der Menschen in solch extreme Situationen vordringen. Der Doppelgängerwahn ist also - und das kann eindeutig gesagt werden - nicht Korrelat einer krankhaften Veränderung, sondern Bestandteil gesunden Erlebens - welch brisanter Befund!
Die Forschung drängt hier in Bereiche vor, in welche Aberrationen im menschlichen Erleben und Verhalten weder durch umweltimmanente Auslöser noch durch eine inwendige, also personenbedingte Krankhaftigkeit zu erklären versucht werden. Was als Möglichkeit verbleibt, was also in der wissenschaftlichen Psychologie immer mehr zur Forschungsgrundlage nicht-physischer Sachverhalte herangezogen (werden) wird, sind höherrangige Dimensionen, ist schließlich das Geistesleben des Menschen!
Das Eindringen in diese Dimensionen ist dabei kein geringes Risiko, denn der Umgang mit solchen Sachverhalten ist in der experimentellen Wissenschaft relativ neu und unbekannt, und wer sich auf solch subtilem Gebiet roh oder allzu dilettantisch benimmt, fällt womöglich böse auf die Nase und wird manchen Spott auf sich vereinigen.
Doppelgängerwahn und Suizid
Wie lange der aktuelle Ansatz im Übrigen vorhält, ist unbekannt. Doch man merkt gleich, die Wissenschaft wird hier haltloser, spekulativer und man muss sich schon in seinem Umgang mit den vertrauten Mitteln souverän benehmen, will man bei dem steilen Weg nicht in die einstmalige Verunsicherung zurückfallen.
Aber auch die neuen Richtungen sind in ihrem Erklärungspotential alles in allem noch recht eingeschränkt und bescheiden. Ganz unbekannt ist etwa die Begründung für den Umstand - und hier binden die Spekulationen wieder an die Folklore an - warum unter jenen, die vom Doppelgängerwahn betroffen sind, eine so hohe Suizidrate zu vermerken ist. Ob etwa der Selbstmord in der Absicht geschieht, den verhassten Eindringling zu vernichten (aus der Perspektive des Betroffenen müsste man somit von Mord sprechen - siehe E.A. Poes William Wilson) oder aber ob sich die Tat im vollen Bewusstsein der eigenen Betroffenheit vollzieht, ist - und bleibt vermutlich immer - ungeklärt.
Es ist dieser Zusammenhang von Doppelgängerwahn und Selbstmord freilich ein bekümmernder Befund. Wenn der eigene Körper als etwas Fremdes gesehen, wenn also Leib und Geist nicht mehr als synthetische Einheit, sondern als unabhängige Entitäten erachtet werden, ergreift den Menschen Unwohlsein, das ihn zu Trotz und Rebellion treibt.
Diese Annahme stimmt durchaus trübe und das umso mehr, als man ja doch zugestehen muss, dass Leib und Geist von ihrer Idee her nicht zusammenpassen. So ist es eben: In dem Maße, in welchem das eine in den Vordergrund tritt, wird das andere in den Schatten gedrängt, und wie der Geist erst dann zu Höchstem fähig ist, wenn der Körper ganz im Hintergrund verschollen bleibt, vermag Letzterer seinerseits nur das Äußerste zu geben, wenn der Geist ganz blass und unkenntlich ist. Das ist weithin bekannt, und man sieht ja auch, wie deshalb alle Welt bemüht ist, die Synthese möglichst vollständig zu halten. Manche streben zu dem einen Pol, bei dem sich der Geist dem Leib überordnet und dieser Letztere sich somit nicht mehr als zwiespältiges Zerwürfnis bemerkbar macht; aber unser ganzes System, unsere Alltagsphilosophie, unser rundherum gegenwärtiges Allgemeinwesen, dem wir in seiner konsumhörigen Maßregelung beständig gegenüberstehen, ist doch ganz darauf gerichtet, die Synthese gerade am anderen Ende zu bieten, in vollständiger Versinnlichung, in ganz irdischer Leib-haftigkeit.
Ob nun so oder so: Fest steht, dass diese Polarität ein immerwährendes Austarieren der eigenen Position, ein beständiges Hin- und Hereilen zwischen den beiden Randpunkten erfordert. Tatsächlich ist dieses Wanken und Suchen einer der zentralen Inhaltspunkte des menschlichen Lebens. Nicht jeder fühlt freilich das Schwingen mit jener Intensität, wie sie der Doppelgängerwahn zum Ausdruck bringt. Aber man spürt doch hin und wieder den stillen Widerstreit, das pochende Aufbegehren, und jedes Mal ist es der Impuls einer Idee, sich auf dem Spektrum zwischen beiden Seiten neu zu positionieren.
Die Psychologie übrigens, und das ist ja ihr heimlicher Reiz, wird auch in dieser Angelegenheit stets mit dem Zeitgeist Schritt halten, und ob nun diese oder jene Schule in den Vordergrund tritt: Ihre Erklärungen werden immer so unbefriedigend bleiben, dass sich eine Weiterreise stets von neuem lohnt. Der Autor ist im Rahmen seines Psychologiestudiums an verschiedenen wissenschaftlichen Studien beteiligt.
Fußnoten: * Übersetzung durch den Autor. Zitate aus Quelle 3
Von Ulrich Weger
Literaturangaben: 1 Illusory reduplication of one's own body: phenomenology and classification of autoscopic phenomena, Cognitive Neuropsychiatry, 1997, 2 (1), 19 - 38, P. Brugger and M. Regard zurück
2 Heautoscopy, epilepsy, and suicide, Journal of Neurology, Neurosurgery and Psychiatry, 57, 838-839, 1994, Brugger, P., Agosti, R., Regard, M., Wieser, H-G., Landis,T. zurück
3 Looking for the agent: an investigation into consciousness in schizophrenic patients, Cognition, 65, 71-86, 1997, Daprati, E., Frank, N., Georgieff, N., Proust, J., Pacherie, E., Dalery, J. & Jeannerod, M. zurück
4 Hallucinatory experiences in extreme-altitude climbers, Neuropsychiatry, Neuropsychology and Behavioral Neurology, Vol 12, 1, 67 - 71, 1999, P. Brugger, M. Regard, T. Landis, O. Oelz zurück